Die Malerin

Es ist Nacht, und nur eine Kerze beleuchtet mein Papier. Auch wenn es vielleicht nicht das zeitgemäßeste ist, ich mag dieses Licht, den warmen Schein. Draußen regnet es, ein warmer Sommernachtsregen, und die Erde duftet wunderbar würzig und lebendig, jetzt wo der Staub des heißen Tages weggewaschen ist. Ich fühle mich unendlich müde nach einem Leben, das länger war als jedes normale menschliche Leben. Doch bevor ich mich schlafen lege für einige Jahre, einige Jahrzehnte vielleicht, möchte ich niederschreiben, was mir in den langen meines Lebens widerfahren ist.

Ich wurde 1859 als LouAnn Duvalle geboren, wenige Jahre vor Ausbruch des Sezessionskrieges. Die ersten Jahre meines Lebens verbrachte ich auf einer kleinen Farm in West Virginia. Meine Eltern wollten mich vor der grausamen Realität eines Krieges beschützen, in dem Brüder gegeneinander kämpften, einfach, weil die einen für und die anderen gegen Sklaverei waren. Doch dann zog auch mein Vater in den Krieg, und kurz darauf erhielten wir Nachricht von seinem Tod. Nicht zu lange danach wurde unser Haus, unsere Ställe und alle unsere Felder von plündernden Soldaten niedergebrannt. Wie durch ein Wunder überlebte ich, als einzige aus meiner Familie, ein kleines Mädchen mit versengten braunen Locken und einem dreckigen weißen Kleid. Man fand mich und brachte mich, zusammen mit vielen anderen Waisenkindern, in ein Waisenhaus im Norden.
Das Leben dort war nicht einfach. Ich war es gewohnt, meine Zeit im Freien zu verbringen; die Enge der Stadt bereitete mir Angst. Ich musste zur Schule gehen, und obwohl mir das Lernen leicht fiel, war die Schule eine Qual für mich, denn die Lehrer waren streng und bestraften den kleinsten Regelverstoß mir Schlägen mit dem Rohrstock. Wir waren gezwungen, uns in den weiblichen Tugenden zu üben, wie Musik oder Zeichnen, und das war das einzige, was mein Leben etwas lebenswerter machte: Wann immer ich einige Minuten entbehren konnte, nutzte ich sie, um zu malen, zuerst Bleistift- und Tuschezeichnungen, später Aquarelle, und irgendwann Ölbilder. In der Schule förderte man diese Begabung sogar, denn sie würde meine Chance auf eine gute Heirat verbessern, und das, so hatte man uns Mädchen lange genug eingebläut, war für uns die einzige Möglichkeit, unserem Elend zu entkommen. Außerdem brachte es ihnen Geld ein; es schien einen geheimen Gönner zu geben, der meine Bilder aufkaufte, kaum dass ich sie beendet hatte. Ich bekam ihn lange nicht zu Gesicht, nur immer seinen Bediensteten, der kam, um die Bilder abzuholen und mir die besten Wünsche seines Herrn auszurichten. Als mein 18. Geburtstag näherrückte, und damit der Tag meines Austritts aus dem Heim, erreichte mich ein Schreiben meines Gönners, in dem er meine Malerei sehr lobte und mich einlud, mit ihm nach Europa zu reisen, um die Kunst der Impressionisten zu studieren. Er erbot sich, sämtliche Reisekosten zu übernehmen und mir ein Studium der Malerei bei privaten Lehrern zu ermöglichen, da ihm meine Fähigkeiten außergewöhnlich und fördernswert vorkämen. Seine Schrift war weitläufig und schön und sah etwas altmodisch aus, und unterschrieben war der Brief mit "Graf von Weldenberg". Ein Graf also. Nicht dass das irgendeine Rolle gespielt hätte, hier in den Vereinigten Staaten, aber es erklärte, warum der Mann, wie es mir schien, zu viel Geld hatte. Ich war sehr selbstkritisch, was meine Malerei anging und fragte mich daher, warum jemand all das Geld für meine Farbschmierereien ausgeben sollte, die ich als kaum besser erachtete als die einer jeden anderen Schülerin. Dennoch nahm ich die Einladung an. Als der Tag meines Abschieds gekommen war, erwartete mich eine Kutsche vor den Pforten meiner Schule. Nur zu gerne verließ ich meine alte Heimat, auch wenn ich nicht recht wusste, was mich nun erwartete. Die Kutsche des Grafen erschreckte mich etwas; sie war schwarz, mit blutroten Samtpolstern, gezogen von zwei nachtschwarzen, prächtigen Pferden. Ich nahm an, dass mein Gönner eine etwas morbide Ader hatte.
Das Haus des Grafen lag ein gutes Stück außerhalb, eingebettet in wundervolle Hügellandschaft. Mein Herz schlug höher, kaum hatten wir die graue Stadt hinter uns gelassen. Durch das geöffnete Kutschenfenster strömte die frische Landluft, Luft, die endlich nicht mehr nach Ruß roch, und nach zu vielen Menschen, sondern nach saftiggrünen Wiesen und Bäumen.
Die Ankunft im Haus meines Gönners bestätigte meinen Verdacht, dass dieser eine leicht morbide Ader haben musste: schwere, dunkle Brokatvorhänge säumten die Fenster, die zwar sehr hoch waren, deren Licht jedoch sofort geschluckt wurde von den Vorhängen und dem dunklen Parkettboden. Alles war altmodisch, es erinnerte mich irgendwo an Darstellungen von barocken Schlössern, die ich im Geschichtsbuch gesehen hatte. Der Bedienstete, der auch immer gekommen war, um meine Bilder abzuholen, empfing mich an der Tür. Er geleitete mich in mein Zimmer, das das totale Gegenteil zum Rest des Hauses darstellte: Die weitgeöffneten Fenster wurden umspielt von leichten weißen Vorhängen, die Wände waren mit cremefarbener Stofftapete überzogen, das Parkett war aus hellem Holz. Ein wunderschönes Himmelbett stand in dem Zimmer; wie die Fenster war es umhängt mit luftigem weißen Stoff. Mitten im Zimmer stand eine Staffelei, umgeben von Ölfarben in allen nur möglichen Tönen und Pinseln in allen erdenklichen Formen und Größen. Es war das Paradies für jeden Maler: Licht, Farben, Werkzeuge – alles war da und stand zur freien Verfügung. Und der Ausblick aus dem Fenster war traumhaft.
Der Bedienstete räusperte sich, und mir schien es als würde ich aus einem Traum von stiller Verzückung erwachen.
"Der Graf lässt sich entschuldigen; er kann Sie leider nicht empfangen. Er lädt Sie aber ein, heute Abend an der Tafel sein Gast zu sein. Sie können die Zeit bis dahin nutzen, sich in Ihrem Zimmer einzuleben." Er verließ den Raum, nicht ohne mir vorher zu versichern, dass ich nach ihm läuten dürfe, wann immer ich etwas benötigte. Kaum war ich alleine, griff ich nach einem Skizzenbuch und Kohle und begann zu zeichnen, was ich auf der Kutschenfahrt hierher gesehen hatte – Hügel, Wiesen, Bäume und Licht, überall Sonnenschein. Zum ersten Mal fühlte ich mich frei, nicht mehr gefangen innerhalb der Stadt. Der sanfte Frühlingswind bauschte die Vorhänge auf und strich mir ums Gesicht. Ich griff nach der Leinwand und begann, den Tag in Farbe zu malen.
Es wurde Abend, die Sonne ging unter, und ihr flammenroter Schein erfüllte den Raum. So lange schon hatte ich nicht mehr in Ruhe den Sonnenuntergang beobachten und die junge Nacht begrüßen können. Das Waisenhaus war inmitten einem Meer von Häusern gestanden, und dass der rote Schein der Abendsonne eine der Scheiben berührte, war fast unmöglich. So stand ich nun also am Fenster und sah hinaus, bis vom Tag nur noch ein schwacher roter Streifen zu sehen war.
Es klopfte an der Tür. Erschrocken erinnerte ich mich, dass ich ja zum Abendessen erwartet wurde, dass es bereits Abend war und ich meinen Malerkittel trug und meine Hände voller Farbe waren.
Ich hatte den Diener erwartet, doch als die Tür sich öffnete, trat ein mir unbekannter Mann ein.
"Oh, ich hoffe, ich störe Sie nicht beim Malen," sagte er mit Blick auf meinen Kittel und meine farbigen Hände. Er trat an die Staffelei. Mit fachmännischem Blick betrachtete er das noch unvollständige Gemälde. Er zog die Augenbrauen hoch. "Erstaunlich."
"Was denn?" fragte ich, da ich nicht sah, was an diesem Bild so erstaunlich sein sollte.
"Nun, es sieht heller und verspielter aus als Ihre vorherigen Bilder."
"Gefällt es Ihnen nicht?" Ich wusste jetzt, dass ich den Grafen vor mir haben musste.
"Doch! Doch, natürlich. Ich hatte mir schon gedacht, dass eine neue Umgebung eine derartige Wirkung haben würde auf Ihre Bilder. Ich hatte nur nicht erwartet, dass es so schnell gehen würde!"
"Der schöne Tag, die Fahrt in der Kutsche – das hat mich inspiriert. Ich wollte die Schönheit dieses Tages auf der Leinwand einfangen. Ich habe meine Kindheit auf dem Land verbracht, in der Stadt, in diesem düsteren Heim, fühlte ich mich wie eine Gefangene. Heute fühlte ich mich endlich wieder frei."
"Ja, ein schöner Frühlingstag..." Seine Stimme klang schwermütig.
"Herr Graf, ich möchte Ihnen danken..." Er winkte ab.
"Sie sind eine talentierte Künstlerin und ich bin ein Mann, der zuviel Geld hat, um es alleine auszugeben. Daher habe ich beschlossen, Ihr Talent zu fördern, in der Hoffnung, dass Ihre Kunst und Ihre Anwesenheit mein Gemüt etwas aufhellt. Reichtum macht erst glücklich, wenn man ihn teilen kann." Er zuckte mit den Schultern und wechselte das Thema.
"Sagen Sie, haben Sie keinen Hunger? Eigentlich wollte ich Sie zum Essen abholen."
Ich sah an mir herunter und betrachtete meine bunten Hände. "Ich sterbe vor Hunger! Aber ich glaube, ich muss mich erst noch richten, bevor ich mich zu Tisch setzen kann." Wie um es zu beweisen, streckte ich ihm die Hände entgegen. Galant ergriff er meine Rechte und drückte ihr einen Handkuss auf.
"Nun, dann werde ich Ihnen diese Möglichkeit geben und Sie in 10 Minuten abholen." Und mit einer leichten Verbeugung verabschiedete er sich.
Ich war perplex. Ein seltsamer Mensch war dieser Graf! Er sah ausgesprochen gut aus, dunkle, schulterlange, leicht gewellte Haare, strahlend blaue Augen. Doch irgendwie war auch etwas Unheimliches an ihm. Seine Berührung, dieser kurze Handkuss, hatte sich seltsam angefühlt, als würde man einen glattgeschliffenen Stein berühren. Ich hatte in seiner Anwesenheit das Gefühl gehabt, als würde er jeden einzelnen meiner Gedanken genau kennen. Seine Bewegungen waren, so schien es mir, zu geschmeidig für einen normalen Menschen; sie erinnerten mich eher an die einer Raubkatze, wobei er auch deren Eleganz und Anmut hatte. Solche Gedanken begleiteten mich, als ich zum Essen ging.
Als ich das Speisezimmer betrat, konnte ich mir einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken: Die Wände des großen Raumes hingen voll mit Bildern – meinen Bildern!
Der Graf lächelte. "Gefällt es Ihnen? Hier sieht sie jeder Gast, den ich empfange."
"Ich kann nicht glauben, dass jemand jedes einzelne meiner Gemälde kaufen und aufhängen sollte!"
"Ich mag Ihren Stil, Ihre Liebe zum Detail. Sie haben ein scharfes Auge, LouAnn; Ihre Beobachtungsgabe ist erstaunlich. Das ist wichtig für eine Malerin. Manchmal" – er blickte mich mit seinen himmelblauen Augen durchdringend an, als würde er mich warnen wollen – "manchmal ist es jedoch besser, nicht so genau hinzusehen. Man könnte Dinge entdecken, die nicht für das Auge eines Fremden bestimmt sind. Man könnte sich sogar in Gefahr bringen."
Ich schluckte. Er schien in meinen Gedanken gelesen zu haben wie in einem offenen Buch. Doch er verscheuchte meinen Schreck, indem er mich beim Arm nahm und an den reichgedeckten Tisch führte. "Sonst wird doch des Essen kalt!" Innerlich schüttelte ich den Kopf. Wer war dieser seltsame Mann? Irgendwie hatte ich Angst vor ihm, doch andererseits war ich wie in Bann gezogen von ihm.
Der Graf verwöhnte mich, wo es nur ging: das Essen war ausgezeichnet, ich hatte alle Zeit der Welt zum Malen, einfach nur für mich, ein Luxus, der mir im Heim nie vergönnt gewesen war. Ich konnte spazieren gehen im Park um sein Haus, aber auch in den Wiesen und Wäldern außen herum. Wenn ich es wünschte, ging ein Diener mit und trug meine Malsachen, doch meistens nahm ich nur den Skizzenblock und Kohle mit, manchmal den Aquarellkasten. Als der Graf aus meinen abendlichen Erzählungen heraushörte, dass ich Pferde liebte – ich verbrachte viel Zeit in den Ställen; die sanftmütigen Tiere, ihr warmer Geruch, ihre weichen Mäuler, hatten es mir angetan – veranlasste er sofort, dass ich Reitstunden bekam, und so kam es, dass ich meine Ausflüge immer öfter auf dem Rücken eines der Pferde unternahm. Es war herrlich, wieder frei zu sein und meine Tage draußen verbringen zu können.
Der Graf war ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Er hatte eine ausgezeichnete Bildung und musste schon sehr weit gereist sein. Wir unterhielten uns über das, was ich am Tag gesehen und erlebt hatte, wobei er bedauernd erklärte, er sei sehr empfindlich auf helles Licht, seit er eine Augenentzündung gehabt habe, die ihn beinah hätte erblinden lassen. So müsse er sich nun damit begnügen, es in meinen Bildern zu sehen. "In Ihren Bildern kann ich den Tag sehen, ohne dass meine Augen schmerzen, und obwohl er nur gemalt ist, ist er so frisch und lebendig, dass ich die Sommerwiesen fast riechen kann."
Ein andermal unterhielten wir uns über den Tod. Ich hatte auf meiner Exkursion einen Leichenzug gesehen, und über mein Erlebnis kamen wir auf das Thema Tod zu sprechen.
"Der Tod ist natürlicher Bestandteil des Lebenszyklus. Er lässt sich vielleicht herauszögern, aber nur in wenigen Ausnahmefällen vermeiden."
Zweifelnd sah ich ihn an. "Ausnahmen? Sind wir denn nicht alle sterblich?"
Ein mysteriöses Lächeln umspielte seine Lippen. "Nein, LouAnn, nicht alle."
Dann schickte er mir einen Blick zu, der zu sagen schien, dass es besser sei, nicht weiter zu fragen.
"Warum haben Sie solche Panik vor dem Tod?" fragte mich der Graf, und ich erzählte ihm von meiner Kindheit.
"Wissen Sie, ich bin mit dem Tod schon früh konfrontiert worden. Als ich ganz klein war, starb meine Großmutter. Damals war der Tod noch normal, natürlich, für mich. Dann zog mein Vater in einen Krieg, der ihm selbst sinnlos erschien. Als er starb, war das für mich unglaublich. Wie soll ein 5-jähriges Kind auch verstehen, dass der Vater weggefahren ist mit dem Versprechen hat, bald wieder zu kommen, und es dann doch nicht tut? Ich habe nur das Wort tot gehört und es war mir unverständlich. Und kein Jahr später musste ich, verborgen in den ästen eines Baumes, mit ansehen, wie meine Mutter und meine Geschwister niedergemetzelt wurden. Hätte ich nicht solch eine Angst gehabt vor diesen fremden Männern, ich wäre hingerannt, um meine Mutter zu schützen. Kaum waren sie weg, wollte ich ins Haus rennen, um das Riechfläschchen meiner Mutter zu suchen, damit ich sie wieder aufwecken kann. Das Haus brannte lichterloh, und wenn nicht Nachbarn den Rauch gesehen hätten und mich eingefangen hätten, dann wäre ich wahrscheinlich verbrannt." Ich seufzte. "Ich habe oft gedacht, dass das vielleicht nicht das Schlechteste gewesen wäre. Denn damals habe ich noch nichts von all dem verstanden. Erst, als ich älter wurde und begann, mir Gedanken zu machen, kam diese Panik, der Gedanke daran, wie meine Familie hatte leiden müssen und die Angst davor, einen ebenso qualvollen Tod zu sterben."
Der Graf legte mir die Hand auf die Schulter. "Ich denke nicht, dass Ihnen das vorbestimmt ist."
"Wie um alles in der Welt lässt sich der Tod umgehen? Sie sagten doch selbst, er sei Bestandteil eines Zyklus."
"Ja, aber ich sagte auch, dass es welche gibt, die nicht sterben müssen."
"Das sind doch alles Märchen! Geister, Dämonen – damit haben sie im Heim versucht, uns Angst einzujagen, wenn wir nicht artig waren. Aber ich bin kein Kind mehr, das an solche Geschichtchen glaubt."
"Wer weiß, vielleicht sind es ja mehr als nur Geschichtchen und Märchen." Ich zuckte mit den Schultern. "Ich glaube jedenfalls nicht daran." Ich lächelte. "Nicht mehr."
Der Graf erwiderte mein Lächeln, winkte ab, und wir wechselten das Thema.

Einige Wochen später brachen wir auf zu unserer Reise nach Paris. Die Überfahrt über den Atlantik war traumhaft für mich. Da gab es nur endlose Weite; am Horizont reichte das Meer dem Himmel die Hand. Wir hatten viel Glück mit dem Wetter, oder eher gesagt, ich hatte es, denn mein Freund und Gönner ließ sich auch hier nicht vor Einbruch der Dunkelheit sehen. Ich verbrachte die Tage auf Deck, malte das Meer, die Menschen, manchmal auch das Schiff, oder genoss einfach nur die frische Meeresluft, den Sonnenschein und das endlose Meer. Ich war des öfteren an den Tischen der anderen reichen Mitreisenden oder am Tisch des Kapitäns zum Dinner geladen, alle schätzten meine Gesellschaft, und viele ließen sich von mir portraitieren. Auch im Dinnersaal malte ich oft – es war etwas vollkommen Neues für mich, Menschengruppen zu malen anstelle von nur Landschaften. Wenn der Graf dann am Abend meine neuen Werke sah, beglückwünschte er mich zu meiner lebendigen Farbwahl und meinem scharfen Auge. Ihm schien, im Gegensatz zu mir, die Seereise nicht sehr gut zu bekommen. Er magerte zusehends ab, sah bleich und eingefallen aus. Im Nachhinein erfuhr ich von ihm, dass er sich auf dieser Reise nur von irgendwelchen Nagern ernähert hatte, die selbst ein so modernes Schiff nicht vollkommen verbannen konnte. Er wollte vermeiden, dass irgendein Verdacht erweckt würde. Damals dachte ich einfach, er sei seekrank.
Sein Zustand verbesserte sich zusehends, als wir endlich Frankreich erreicht hatten. Seine Wangen waren bald wieder rosig und nicht mehr eingefallen. Bald war er wieder ganz der gutaussehende Gentleman, der er vor unserer Abreise gewesen war. Wir reisten bei Nacht; an seine seltsame Angewohnheit, das Tageslicht so vollkommen zu meiden, hatte ich mich schon so sehr gewöhnt, dass mir das nicht weiter ungewöhnlich erschien. So schlief ich nachts in der Kutsche, und an den Tagen hatte ich Zeit, zu malen und mir die Städte anzusehen. Ich hatte, auch dank des Unterrichts des Grafen, schnell genug Französisch aufgeschnappt, um mich verständlich zu machen und alleine zurechtzukommen. So war es mir am liebsten, denn ich musste auf keinen Rücksicht nehmen und fiel meinerseits niemandem zur Last. Ich traf viele interessante Menschen, auch viele Künstler, von denen ich so einiges lernen konnte. Gefiel es mir an einem Ort besonders gut, willigte der Graf ohne weiteres ein, einen oder mehrere Tage dort zu verweilen.
Geboren in einem Land, das gerade mal etwas über 100 Jahre alt war, war das europäische Festland ein Traum für mich. Ich besuchte Kirchen, die Jahrhunderte alt waren, Orte an denen die Menschen schon vor Jahrtausenden gelebt hatten, alte Ruinen von einst gewaltigen Burgen... Ich sog die ganze alte Geschichte in mir auf wie ein vertrockneter Schwamm. Ich ließ mir von den Einheimischen alte Geschichten und Sagen erzählen, was an diesem und jenem Platz geschehen sei, und ich begann, Phantasiebilder zu malen, von Drachen und Feen, Rittern, edlen Fräuleins, um die alten Orte und ihre Sagen festzuhalten. Statt der kräftigen Ölfarben wählte ich wieder verstärkt die zarten Aquarellfarben, so dass meine Bilder eine zarte, verwunschene Atmosphäre annahmen, so wie die Geschichten. Abends saßen der Graf und ich dann im Schein einer Laterne in der Kutsche oder einer Herberge beieinander, und er betrachtete meine neuen Bilder.
"Ich dachte, Sie glauben nicht an Dämonen und Gespenster."
Ich lächelte. "Heißt die Tatsache, dass ich alte Sagen um solche Wesen auf dem Papier festhalte, auch gleichzeitig, dass ich daran glauben muss? Diese Orte und ihre Geschichten – sie haben etwas zauberhaftes, verzaubertes, das mich in Bann nimmt."
"Wissen Sie, was ich an Ihnen schätze, LouAnn? Ihren Enthusiasmus, Ihre Energie, mit der sie alles Neue sofort verinnerlichen. Sie haben so viel gelernt, seit Sie bei mir sind, einfach weil Sie lernen wollten."
"Seit Sie mich bei sich aufnahmen, hatte ich die Möglichkeit, ich selbst zu sein. Ich bin frei, kann meine Tage verbringen, wie ich es will. Ich kann lernen, weil ich nicht lernen muss."
"Sie gehen gerne an diese alten Orte, nicht war?"
"Ja, sie scheinen lebendig zu sein. Wissen Sie, vor kurzem war ich in einem Elfenhain – das zumindest behaupten die Menschen dieser Region. Und es war tatsächlich ein besonderer Ort. Ich konnte spüren, dass da etwas war. Ich glaube, das muss früher ein Ort gewesen sein, an dem die Menschen zu ihren Göttern gebetet haben, denn da ist so viel Energie an diesem Ort... Es ist schwer zu beschreiben. Als habe sich Lebenskraft angesammelt an diesem Ort, über Jahrtausende hinweg." Ich winkte ab. "Ach, Sie denken jetzt sicherlich, ich spinne." Doch er lächelte nur. "Nein, das tue ich nicht. Ich weiß sehr genau, wovon Sie sprechen. Aber glauben Sie nicht, dass das, was Sie da beschreiben, diese Energie, nicht auch von manchen Menschen als Geister definiert werden kann? Oder, wenn es negative Energie ist, als Dämonen?" Erstaunt sah ich ihn an. "Nun... von dieser Seite habe ich es noch nie betrachtet – dass Dämonen nichts anderes sind als diese Energie, die ich gespürt habe, nur in ihrer negativen Umkehrung... Ja, ich glaube, mit dieser Erklärung könnte ich leben."

Wir erreichten Paris erst einige Wochen nachdem wir in Frankreich angekommen waren. Der Graf wollte, dass ich vor unserer Ankunft in der großen Stadt noch möglichst viel von Frankreich zu sehen bekäme. So reisten wir durch die Bretagne, damit ich die Menhire sehen könnte, die Loire entlang, um all die alten Schlösser zu bewundern, und schließlich noch nach Versailles, damit ich in den Gärten des Schlosses malen könnte. Doch irgendwann erreichten wir Frankreichs Hauptstadt. Ich hatte mich ein wenig gefürchtet vor der großen Stadt, denn die einzige Großstadt in der ich bisher gelebt hatte, hatte ich nicht unbedingt in bester Erinnerung, doch meine Furcht vor einer engen, düsteren, dreckigen Stadt stellte sich schnell als absolut unnötig heraus, denn Paris war hell, elegant und unglaublich schön. Viele der Menschen hier machten die Nacht zum Tag; hier gab es für mich fast mehr Neues zu sehen als auf der ganzen Reise durch Frankreich. Schnell lernte ich Künstler kennen, wir trafen uns in den zahlreichen Cafés der Stadt, wo man saß, um zu diskutieren über Kunst, Politik, Wissenschaft, Ethik... Ich muss mich an die Worte des Grafen erinnern: Ich sauge das Wissen auf wie ein Schwamm. Genau das tat ich in der ersten Zeit in Paris – ich hörte zu, redete mit und lernte, wo es nur ging. Ich setzte mich in einen der großen Gärten und malte, wie so viele andere, oder ich beobachtete die anderen Maler bei ihrer Arbeit. Ich bewunderte die Bilder der Impressionisten, wie alles so bewegt und lebendig wirkte. Ich verbrachte oft den gesamten Tag in den Galerien oder auch im Louvre, um all die wundervollen Kunstwerke in mir aufzunehmen. Den Grafen bekam ich nur relativ selten zu Gesicht, doch das schien ihn nicht sonderlich zu stören. Im Gegenteil, wann immer ich ihn sah, bekundete er seine Freude darüber, dass ich solches Interesse an der Stadt und den Menschen hier zeigte. Zum ersten mal in meinem Leben konnte ich richtig lebendig sein. Ich hatte die Zeit in Amerika genossen, als wir noch auf dem Land des Grafen waren, doch dort war ich relativ alleine gewesen. Das hatte ich damals auch gebraucht, doch nun war ich laufend in Begleitung neuer Menschen, faszinierender Persönlichkeiten, und auch das war genau das, was ich gerade brauchte. Kurzum, ich war glücklich mit meinem Leben. Ich bekam Unterricht bei den besten Malern der Stadt, und meine Bilder waren besser, lebendiger, denn je. Auch der Graf fand das, und das freute mich insbesondere, denn schließlich hatte ich ihm ja all das zu verdanken. Doch irgendetwas ihm war seltsam. Er war sonderbar schwermütig; und manchmal war mir seine Anwesenheit aus unerklärlichen Gründen irgendwie unheimlich.
Einmal, als ich gerade zu Bett gegangen war und noch nicht ganz eingeschlafen war, hatte ich das Gefühl, als stände jemand an meinem Bett. Doch bis ich wieder vollkommen wach war, hörte ich nur noch, wie jemand leise und vorsichtig meine Türe schloss. Ein andermal erwachte ich und sah eine Gestalt an meinem Bett sitzen. Ich konnte sie in der Dunkelheit nicht richtig erkennen, doch ich war mir ziemlich sicher, dass es der Graf war. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war die Erinnerung nur noch dunkel da, so dass ich dachte, ich hätte geträumt.
Doch eines nachts erwachte ich, als sich der Graf über mich beugte. Ich wollte etwas sagen, doch im Licht einer kleinen Lampe sah ich, wie er den Finger auf die Lippen legte. Ich wusste nicht, was er vorhatte, oder eher, ich hatte eine Ahnung, doch ich wagte nicht, mich zu wehren, aus Angst, er könnte mich als undankbar verstoßen, und ich könnte meine Malerei nicht fortsetzen, weil ich plötzlich keine Mittel mehr hätte. Das Schummerlicht der Lampe glättete seine Züge; er sah sonderbar ebenmäßig, fast übermenschlich schön, aus. Ich spürte plötzlich seine Lippen an meinem Hals, ein kurzer, stechender Schmerz, und dann ein unbeschreibliches Gefühl, als würde ich schweben, wunderbar weich und zugleich fest, ein Glücksgefühl, für das es keine Worte gibt.
Er ließ von mir ab. Zuerst starrte ich ihn mit stummem Erstaunen an. Doch dann holte mich die Realität ein. "Vampir," flüsterte ich voll Entsetzen. Er wich zurück, ebenfalls erschrocken über diese Reaktion, aber auch über das, was er getan hatte. Ich sprang auf und rannte aus der Tür, hinaus aus dem Haus. Ich habe keine Ahnung mehr, wie lang ich gerannt war, doch ich kam erst wieder zum Stehen, als ich mich bereits hoffnungslos verlaufen hatte, in den finstersten Straßen der Stadt, den Vierteln, die ich selbst bei Tageslicht nicht alleine aufgesucht hätte. Eine Weile lang wanderte ich noch durch die Straßen, nur bekleidet mit einem Nachthemd, Pantoffeln und einem Mantel, denn ich im Vorbeirennen noch ergriffen hatte. Doch dann sank ich verzweifelt nieder auf einer Treppenstufe. "He, du," hörte ich eine heisere Stimme hinter mir. Ich erschrak fast zu Tode. Vorsichtig drehte ich mich um und sah eine zerlumpte Gestalt hinter mir.
"Was?" fragte ich.
"Das hier ist mein Platz."
"Oh, entschuldigen Sie, tut mir leid." Ich stand auf.
"Oh, entschuldigen Sie," äffte die Gestalt mich nach. "Ich mag keine Eindringlinge."
"Es tut mir leid," wiederholte ich.
Die Gestalt erhob sich. "Bist ein hübsches Ding," stellte der Mann fest. Er griff nach meinem Kinn, und ich wich zurück. Doch er bekam den Kragen meines Mantels zu fassen und hielt mich fest. Grob stieß er mich zu Boden. Er zog ein Messer aus seinem Gürtel und hielt mir die glänzende Klinge vor die Nase. "Wenn du nicht ein braves Mädchen bist, dann wirst du mit meinem ganz besonderen Freund hier Bekanntschaft machen." Er riss den Mantel auf und zerriss das Nachthemd. Als sich sein Gesicht meiner entblößten Brust näherte, schrie ich. Er schlug mir hart ins Gesicht, dann zerriss er mein Hemd komplett, so dass ich vollkommen nackt dalag. Ich bekam Panik, wollte mich unter ihm fortwinden. Als er gerade am Verschluss seiner Hose nestelte, hörte ich Stimmen in der Ferne. Ich zögerte nicht lange. "Hilfe!" schrie ich, "So helft mir doch!" Wieder schlug er mich. "Halt die Klappe, Miststück." Doch ich hörte nicht auf ihn. " Hilfe, hier bin ich!" Da packte ihn wilder Zorn, und er ergriff sein Messer und stach zu. Ich weiß nicht mehr, wie oft, doch irgendwann hatte sich sein Zorn etwas beruhigt. Er stand einfach auf und ging, nicht ohne vorher meinem Mantel mitzunehmen.
Blutend und fast wahnsinnig vor Schmerz lag ich auf der Straße. Ich wusste, dass ich bald sterben würde. Dann hörte ich Schritte. Mit größter Mühe schaffte ich es, leise um Hilfe zu flehen. Die Schritte näherten sich, und dann sah ich das Gesicht des Grafen über mir. Entsetzen lag in seinen Zügen. "LouAnn!"
Mit einiger Mühe formte ich die Worte. "Haben Sie nun das, was Sie wollen? Meinen Tod?"
Sichtlich erschüttert über meine Worte schüttelte er den Kopf. "Nein, niemals wollte ich deinen Tod."
"Aber warum..."
"LouAnn, ich liebe dich! Ich will nicht deinen Tod, ich will dir das Leben schenken. Ich wollte dich heute Nacht nicht töten, sondern dir das ewige Leben geben. Ich habe nur von dir gelassen, weil ich plötzlich daran dachte, was denn geschehen würde, wenn ich dir das Tageslicht rauben würde."
"Ich habe solche Angst vor dem Tod," flüsterte ich mühsam und unter Schmerzen. "Meine Schöne, du sollst nicht sterben!"
"Ich will nicht sterben."
Er schüttelte den Kopf. "Du wirst ewig leben!"
"Es tut so weh."
Er beuge sich über mich, küsste mich zärtlich auf den Mund. Vorsichtig bettete er mich auf seinem Schoß, strich mir die verworrenen Haare aus dem Gesicht und vom Hals und senkte seine Zähne in meinen Hals. Die Schmerzen der Messerwunden ließen nach, wieder erfasste mich das unbeschreibliche Gefühl, als würde ich schweben. Der Graf hielt mich fest in seinem Armen. Als er diesmal den Kopf hob, war alles ruhig um uns herum. Ich spürte keinen Schmerz mehr, und die Welt um uns schien vorbeizufließen wie ein ruhiger Strom. Ich spürte einen unendlichen Durst. Mit seinen spitzen Fangzähnen riss der Graf sich die Pulsschlagader auf und presste mir das blutende Handgelenk auf die Lippen.
"Trink," flüsterte er. "Trink, LouAnn, und du wirst ewig leben."
Zuerst zauderte ich – mein Bewusstsein wehrte sich dagegen, Blut zu trinken –, doch dann siegte der Durst in mir, und ich trank. Ich spürte, wie das Leben in mich zurückkehrte, wie die blutenden Wunden in meiner Brust versiegten und sich schlossen. Während ich immer stärker wurde, fiel der Graf in sich zusammen. Noch zweimal wiederholte sich der Vorgang – er nahm und gab mir wieder, und mit jedem Mal fühlte ich stärker die Veränderung, die sich in mir vollzog. Nachdem er mir zum dritten Mal von sich zu trinken gegeben hatte, sah mir der Graf tief in die Augen. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen in seinem Gesicht, das eingefallen und ausgemergelt war, doch sie schienen im Dunkeln zu phosphorizieren.
"Vom ersten Moment an, als ich dich sah, wusste ich, du bist für die Unsterblichkeit geschaffen," sagte er ernst. "Doch ich sah, wie sehr du den Tag und das Licht liebst. Daher wollte ich sie dir nicht nehmen. Außerdem hatte ich durch dich zum ersten Mal seit langem wieder die Möglichkeit, den Tag in seiner unverfälschten Frische und Schönheit zu sehen. Und jetzt habe ich dir den Tag genommen."
"Aber die Nacht geschenkt..."
Er strich mir mit dem Finger über die Wange. "Ja, die Nacht geschenkt... Irgendwann wirst du mich verfluchen dafür, dass ich dir das Licht geraubt habe."
Ich schüttelte den Kopf. "Die Nacht ist doch so schön!"
Er lächelte traurig. "Ja, aber wir sind verdammt, für immer in ihrer Finsternis zu leben." Mühsam stand er auf. "Komm, lass uns diesen Ort verlassen. Du musst deinem neuen Körper Nahrung geben."
Nahrung, ja. Blut, menschliches Blut war das. Eine schauerliche Nahrung, mag ein Sterblicher denken. Doch für uns ist es mehr als Erhaltung des Körpers. Das Gefühl, das uns durchströmt, wenn wir auf diese Weise mit einem Sterblichen verbunden sind, ist nicht zu vergleichen mit irgendetwas, das ich je in meinem sterblichen Leben gefühlt habe. Doch am Anfang war auch mir etwas mulmig bei dem Gedanken, dass eine Mahlzeit für mich den Tod eines Sterblichen bedeutet, wie ich selbst gerade noch einer gewesen war. Um so dankbarer war ich meinem Freund, dass er mein erstes Opfer sehr weise wählte. Es war der Mann, der versucht hatte, mich zu töten. Er war zum Ort seines Verbrechens zurückgekehrt, und man kann sich sicherlich vorstellen, dass er schon fast zu Tode erschrak, als ich vor ihm stand, bleich, mit eingefallenem Gesicht und zerfetztem und blutigem Nachthemd, umweht von gelöstem Haar, gleich einem Engel der Rache. Er machte keine Anstalten, sich zu wehren; das Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben, als ich ihn an mich zog und meine spitzen Eckzähne in seinen Hals bohrte. Der Geschmack... das Gefühl des warmen Blutes auf meinen Lippen, meiner Zunge... Keiner, der nicht zu uns gehört, der dies nie gekostet hat so wie wir, kann das nachvollziehen, was geschieht, wenn einer der Unseren vom Blut eines Sterblichen trinkt. So zerbrechlich liegen die Sterblichen in unseren Armen – "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras.." – und langsam gleiten sie in den Tod hinüber – "Und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen". Es ist kein schlimmer Tod. Wir sind gnädig, viele von uns haben es sich zum Ziel gemacht, jene zu erlösen, die keinen Willen mehr zum Leben haben, die ihres Lebens überdrüssig geworden sind. "Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen." Diese Worte aus Bibel, verbunden mit der eindrucksvollen Musik ihrer Vertonung in Brahms’ Requiem, kommen mir oft in den Kopf, wenn ich so einen Sterblichen von seinem irdischen Leben erlöse. "Ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird weg müssen."
Die ersten Tage und Wochen, ja Monate, meines neuen Lebens vergingen wie in einem Traum. Die Nacht bot so viel Neues; die Sterblichen, zu denen ich ja erst kürzlich selbst noch gehört hatte, waren so wundervoll, so herrlich zu beobachten, wie sie so nichtsahnend von all den Toden, die da draußen auf sie warteten. Selbst diejenigen, die ich früher bewundert hatte für ihre Weisheit und Lebenserfahrung, kamen mir jetzt vor wie kleine Kinder. Vielen meiner Freunde fiel auf, dass ich mich auf unerklärliche Weise geändert hatte. Ich war ihnen irgendwie unheimlich, und doch suchten sie meine Nähe... Wie die Mücken, die in die flackernde Flamme der Kerze flogen.
Irgendwann jedoch nahm ich, nachdem ich monatelang keinen Pinselstrich gemacht hatte, wieder die Farbpalette in die Hand. Etwas in mir zog mich wieder vor die Leinwand, dieselbe Kraft, die den Musiker ans Instrument und den Dichter an die Feder zieht, der innere Zwang des Künstlers.
Ich war unsicher, als ich vor der weißen Leinwand stand. Was sollte ich malen? Ich sah mich um. Mein Malerzimmer sah aus wie immer: Große Fenster, die eigentlich das Tageslicht hereinfluten lassen sollten, umsäumt von leichten, hellen Vorhängen, ein heller Parkettboden. Rein aus Gewohnheit mischte ich ein helles Blau, himmelblau. Ich begann, einen hellblauen Himmel zu malen, sonnendurchflutet. Doch in mir begann es zu brodeln und zischen. Unwillig betrachtete ich im Kerzenschein meinen Himmel auf der Leinwand. Nein, so stimmte das nicht! Wie wild malte ich auf der Leinwand herum, wie eine Besessene. Immer wütender wurde ich. Nichts stimmte mehr! Ich schrie wütend auf. Die Farbpalette, voller heller Blau- und Gelbtöne, flog quer durch den Raum. Nichts stimmte mehr, meine Augen, meine Hände, sie wollten nicht sehen, nicht mehr malen, so wie es mein Kopf und meine Erinnerungen an den Tag wollten! Der Graf kam herein.
"Sieh, was du angerichtet hast! Ich kann nicht mehr malen!"
Betreten sah er mich an. Leise sagte er: "Das war es, was ich befürchtet habe."
Verzweifelt hielt ich meinen Kopf mit beiden Händen. "Es ist alles hier drin, alle die Stunden am frühe Morgen, wie der Nachthimmel von der Morgensonne geküsst wird, der Nachmittag in der Wärme der Sonne. Aber meine Augen wollen nicht, dass ich es male. Meine Hände können den Pinsel nicht mehr führen, wenn sie Sonnenstrahlen malen sollen." Blutige Tränen rannen mir über die Wangen. Denn auch wir Vampire können weinen, doch unsere Tränen sind nicht aus Wasser und Salz, sondern aus Blut.
"Was ist das für eine Gabe, die du mir gegeben hast?" schluchzte ich an der Schulter des Grafen. "Das ewige Leben, aber auch die ewige Finsternis."
Mein Freund richtete mich auf. "Du kannst malen!" Seine Stimme war voller Überzeugung. "Die Zeit der Sonnenbilder ist vorbei, doch öffne nur deine Augen. Sieh dich um! Den Tag kannst du nicht länger festhalten, weder auf der Leinwand noch in deinem Herzen. Aber die Nacht! Ja, LouAnn, ich habe dir den Tag genommen, das war der Grund, warum ich auch zuerst zögerte, dich zu einer von uns zu machen. Doch ich habe dir die Nacht geschenkt. Du warst zu Anfang so verzaubert von der Schönheit der Nacht, von den Sterblichen, die so schön und bunt und voll warmen Lebens sind. Wo ist diese Begeisterung jetzt. Versuche nicht, den Tag zu halten, denn er ist tödlich für uns, und darum wehrt sich dein Geist, ihn zu malen. Das Licht der Sonne lässt unsere Körper zu Staub zerfallen, sie ist nicht mehr schön und lebensspendend. Würdest du das Sonnenlicht malen, ist das so, als wolltest du deinen Mörder auf die Leinwand bringen. Die Nacht steht dir nun offen. Male die Nacht!"
Ja, ich malte die Nacht. Mit derselben Leidenschaft, mit der ich vorher die Schönheit des Tages zu Papier gebracht hatte, malte ich nun die Nacht. Ich saß in kleinen Cafés, den Skizzenblock auf dem Schoß, und zeichnete die Sterblichen in der Nacht. Auf diese Weise wurde ich fast zum Ritualmörder, denn ich malte häufig meine Opfer, bevor ich sie tötete. Ich weiß, das klingt grausam, doch beim Malen lernte ich den Menschen kennen, der mir mein Überleben sichern würde. Ich sah beim Malen in seine Seele und spürte, ob dieser Mensch leben oder sterben wollte. Und oft wurde ich für meine Mühe belohnt, wenn ein Sterblicher sich dem Tod in meinen Armen mit zufriedenem Gesicht hingab, langersehnte Ruhe nach einem Leben voller Schmerz. Bald jedoch zog es mich aus Paris. Ich musste weg von diesem Ort, ich brauchte wieder die Schönheit der Wildnis. Daher machte ich mich auf den Weg zurück nach Amerika. Das Tal des Shenandoh im Mondschein... Das war es, was meine Seele brauchte.

Seit dieser Zeit lebe ich wieder in Amerika. Den Grafen habe ich nicht mehr gesehen, seit wir uns in Paris trennten. Das ist nun über 100 Jahre her. Für einen Sterblichen mag das eine unglaublich lange Zeit sein. Doch für uns ist es nur wenig Zeit, verglichen mit der Ewigkeit, die wir haben, wenn uns nicht das Feuer oder das Licht der Sonne zu Staub verbrennt. Ich bin immer noch ein Kind fast, jetzt, da bald das neue Millennium anbricht. Es gibt wenige von uns, denen letztenendes tatsächlich die Ewigkeit vergönnt ist; viele fallen vorher dem Wahnsinn oder dem Feuer anheim. Doch jeder hofft, dass er einer der wenigen sein möge. Ich weiß nicht, ob ich ewig leben werde. Ich weiß nicht einmal, ob ich das wirklich wollte. Aber ich weiß, dass ich schon länger gelebt habe als irgendein Sterblicher, und dass ich unendlich müde bin. Daher werde ich das tun, was auch Sterbliche tun, wenn sie des Lebens überdrüssig sind und beschließen, den langen Schlaf anzutreten: Ich werde meine Körper der Erde anvertrauen und schlafen. Ja, schlafen...

Die Kerze ist fast niedergebrannt. Ich rieche den Morgen herankriechen, und ich fühle ihn in meinen Knochen. Es ist an der Zeit, dass ich meine Aufzeichnungen abschließe und mir meine Ruhestatt suche. Ich freue mich darauf, mich in die Erde einzugraben, so tief es meine Kräfte zulassen. Schon jetzt habe ich den Geruch in der Nase, feuchte Erde, lebendige Erde, kühle Erde. Dunkelheit, die mich umfängt, wenn ich in den Schlaf falle.

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