Kind der Nacht

Wieder eine jener eiskalten Dezembernächte... Ich sitze am weitgeöffneten Fenster, unter mir der Lärm New York Cities. Ich bin nicht in Geringsten besorgt darüber, dass ich mir auf diese Weise den Tod holen könnte, eine Lungenentzündung, Erfrierungen oder dergleichen. Nein, das macht mir keine Sorgen! Überhaupt alles, was den normalen Menschen solche Sorgen macht, Alter, Krankheit, Unfälle, berührt mich reichlich wenig. Ich kann nicht altern, werde immer eine junge Frau bleiben, wie ich seit nunmehr fast 200 Jahren bin. Ich kann nicht krank werden, die einzige Krankheit, die ich seit zwei Jahrhunderten mit mir herumtrage, ist meine Schwermut.
Während ich dies hier niederschreibe, schweifen meine Gedanken immer wieder ab, fliegen davon zu fernen Zeiten, einer Zeit, da ich noch eine ganz normale Sterbliche war, als ich den Sonnenschein noch sehen konnte... Eine Zeit voller Schmerz, diese Tage im Wien kurz nach Beginn des 19. Jahrhunderts. Ich werde Ihnen nun erzählen, wie ich wurde zu dem, was ich bin, einem Kind der Nacht, oder, wie Sie es wohl nennen würden, einem Vampir.

Auch damals war es eine jener Nächte im Dezember, die endlos dauern. Ich saß an meinem Fenster, das ich weit geöffnet hatte. Die Kälte war schneidend, und das tat mir gut. So kalt es draußen war, so kalt fühlte ich mich innerlich. Kalt und leer und verlassen. Es war sternenklar, doch der Mond schien nicht. Irgend etwas Unheimliches lauerte überall in der nachtfahlen Landschaft. Wie gerne hätte ich Schnee gesehen dort draußen, um die Dunkelheit etwas aufzuhellen, um das Licht der Sterne zu reflektieren. Doch dazu war es zu kalt.
Gerade erst vor wenigen Tagen hatte ich den einzigen Menschen verloren, der mir wirklich etwas bedeutet hatte. Ich wollte nicht mehr leben, alles erschien mir sinnlos und leer. Der Tod war plötzlich allgegenwäärtig in meinem Leben. Er war hinterhältig und gemein, schlich sich von hinten heran, als wir uns sicher währten und zeriss meine Seele in hunderttausend Fetzen, die wie Schneeflocken auf das Grab fielen. So sinnleer waren mir die Worte des Grabredners vorgekommen, der von Ewigkeit redete, von ewiger Herrlichkeit und dem Paradies. Das hatten wir doch gehabt, das Paradies, hier, bei uns, auf der Erde! Ich wünschte mir nur, auch sterben zu können, doch mir fehlte der Mut, meinem miserablen Leben selbst ein Ende zu setzen. Und so saß ich in der Finsternis der Nacht und wartete, dass der Tod vielleicht auf die Idee käme, mich von sich aus mitzunehmen. Ich hoffte fest darauf, zu erfrieren oder mir eine Lungenentzündung zu holen, die mich dahinraffen würde. Doch nichts dergleichen schien zu geschehen.
Es war die Stunde nach Mitternacht, wenn die Nächte am dunkelsten sind, als der Tod durch meine Tür trat. Er klopfte nicht, sondern trat einfach ein. Ich musterte den jungen Edelmann, der da vor mir stand. Ich fühlte, dass er der Tod sein musste, doch ich sah es nicht; den dunklen Gevatter hatte ich mir anders vorgestellt. Etwas Bedrohliches ging von dem Wesen aus, das da vor mir stand, einem Engel des Todes gleich. Doch da war auch etwas an ihm, das mich verzauberte, in Bann nahm. Mit starken Armen umschlang er mich, und an seiner Brust weinte ich die Tränen, von denen ich gedacht hatte, sie seien vor Trauer für immer versiegt. Ich spürte kaum Schmerz, nur den in meiner Seele, als ich in seinen Armen langsam starb.
Ich erwachte in meinem Bett, voller Entsetzen, dass ich noch lebte. Neben mir saß mit fahlem Gesicht mein Zimmermädchen. Ich fühlte mich unendlich schwach und müde. "Madame," rief die junge Frau aus, "Ihr seid wieder zu Euch gekommen! Was haben wir uns für Sorgen gemacht! Als wir Euch vor zwei Tagen da liegen sahen, das Fenster weit geöffnet, da dachten wir zuerst, Ihr wärt tot. Doch zum Glück geht es Euch jetzt besser." In Gedanken verfluchte ich den Tod, dass er nicht die Gnade gehabt hatte, mich tatsächlich mit sich zu nehmen.
Es war eine seltsame Krankheit, die mich da befallen hatte. Mein Körper war zu schwach für eine winzige Bewegung, zu schwach für ein einziges Wort, doch mein Geist arbeite voller Fieber. Es ging mir so schlecht, dass meine Bediensteten nach einem Priester schickten, um die letzte Ölung vorzunehmen. Ich hatte nicht die Kraft, ihn zur Hölle zu schicken, und so lag ich da, in den Augen aller wohl vorbereitet, und erwartete voller dunkler Vorfreude mein Ende.
Wieder war es die dunkle Stunde nach Mitternacht, als ich die Gegenwart des dunklen Edelmannes spürte und deshalb aus unruhigem Schlaf erwachte. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, aber der Vollmond schien durch das Fenster auf mein Bett, deshalb musste es wohl zwei Wochen nach meiner ersten Begegnung mit ihm sein. Er stand, bequem an den Pfosten meines Betthimmels gelehnt, und blickte mich mit durchdringenden Augen an.
"Wer seid Ihr?" brachte ich mit größter Mühe hervor.
"Weißt du das denn nicht, kleine Constance?" Er lächelte und entblößte eine Reihe makelloser perlenweißer Zähne. Was mich jedoch an diesem Lächeln fesselte, waren die zwei Fangzähne, die gefährlich funkelten.
"Bist du gekommen, um mich endlich zu erlösen?"
"Mein Engel, ich bin gekommen, um dir ein Geschenk zu machen." Er trat näher heran an mein Kopfende und setzte sich neben mich auf die Bettkante.
"Es ist zu früh für dich. Dir ist etwas Größeres bestimmt als der Tod." Wie zum Kuss beugte er sich über mich, und ich erwartete den Tod, trotz seiner Worte, als er zubiss. Ich fiel und fiel und fiel.
Doch wieder erwachte ich in meinem Bett. Das Zimmermädchen saß mit verheulten Augen neben mir. "Oh Madame," schluchzte sie auf, als sie sah, dass meine Augen geöffnet waren, "Ihr dürft uns nicht verlassen!" Voller Sarkasmus musste ich an die Worte denken, die ich dem Geliebten zugeflüstert hatte, als er in meinen Armen verblutete, durchbohrt von einem Degen in einem Kampf um meine Ehre. Sein Gegner war sofort tot gewesen, ein Mann, der gemeint hatte, mich kompromittieren zu müssen, und dafür hatte er mit dem Leben bezahlt. Doch mein Geliebter, er hatte den Tod gefunden, weil er meine Ehre retten wollte. Ich kam mir wie eine Mörderin vor. "Verlass mich nicht" waren die letzten Worte, die er hörte in seinem Leben. Doch er hatte nur leise gelächelt und geflüstert: "Ich liebe dich, Constance, mein Engel. Kein Engel des Herrgotts kann so schön sein wie du. Ich werde auf dich warten." Sein Gesicht war fahl gewesen, doch mit seinen Augen hatte er mich festgehalten. Ich hatte ihm noch lange in die Augen geblickt, auch als sie schon gebrochen waren. Wie ironisch schienen mir da die Worte der Dienerin, hatte ich sie doch vor so kurzer Zeit selbst gefleht, und mein Flehen war vom Himmel nicht erhört worden.
Wieder verbrachte ich in dunklem Dahindämmern eine Zeit, die für mich nicht überschaubar war. Doch dann, als es Neumond war, kam der Tod wieder und setzte sich an mein Bett. "Es ist Zeit," sagte er mit ernster Miene. Dann hob er mich aus meinem Bett, als wäre ich eine Feder, und die Kälte der Nacht umhüllte mich, und der schwarze Mantel des Vampirs.
Ich muss wohl irgendwo in der Dunkelheit das Bewusstsein verloren haben, denn das nächste, an das ich mich erinnern kann, war, dass ich aufwachte in einem großen Saal, der von unzähligen Kerzen erleuchtet war. Ich lag auf einem Diwan, eingehüllt in warme Decken, den Rücken gestützt von weichen Kissen. Zum ersten Mal seit langem war es mir wieder warm. In einem Lehnstuhl mir gegenüber saß der Vampir. Das Kinn hatte er auf die Hände gestützt, und mit blitzenden Augen blickte er mich an. Mir war, als würde er in meiner Seele lesen wie in einem offenen Buch. Ich fühlte mich unendlich matt und müde.
"Warum lasst Ihr mich nicht einfach sterben?" flüsterte ich. Mit sanftem Lächeln erwiderte er: "Du bist nicht für den Tod bestimmt, Constance. Dir kann die Ewigkeit gehüren."
Wie aus ferner Vergangenheit kamen die letzten Worte des Geliebten zu mit: "Ich werde auf dich warten."
"Ich will die Ewigkeit nicht," sagte ich so bestimmt, wie es meine Kräfte zuließen. "Ich will nur den Tod."
Der Vampir lachte leise, und seine weißen Fangzähne blitzten im Kerzenschein.
"Weißt du, meine schöne Constance, ich war einmal wie du, wünschte mir nichts sehnlicher als den Tod. Aber das vergeht. Wunden heilen, alles ist endlich, nur die Ewigkeit nicht. Würde ich dich hier liegen lassen, dann wärst du tot in weniger als 24 Stunden. Ich könnte dich auch sofort zu einer von uns machen, doch ich will dir noch einen Morgen, noch einen Tag, gönnen. Verabschiede dich vom Sonnenlicht und vom hellblauen Himmel, denn ab morgen wirst du ein Kind der Nacht sein, und der Mond wird dir die Sonne am Himmel ersetzen." Seufzend erhob er sich. "Ich muss gehen. Der Morgen naht."
Mit einer Handbewegung wies er auf die großen Fenster. Die Sterne waren verblichen, und der Morgen zeigte seinen ersten blutroten Streifen am schneebedeckten Horizont. Der dunkle Edelmann beugte sich über mich und küsste mich auf die Stirn.
"Hab keine Angst, meine Schöne. Genieße die Wärme der Sonne ein letztes Mal." Und mit wehendem schwarzen Mantel lief er auf die große Flügeltür des Saales zu, durch die er verschwand. Meine Augen waren an den Horizont gefesselt, wo jetzt blutrot die Sonne aufging. Die Tränen rannen mir über die Wangen, denn der letzte Sonnenaufgang, den ich so bewusst erlebt hatte, kam zurück in meine Gedanken, ein Sonnenaufgang im späten November an einem frostigen Morgen. Der Geliebte war im bereiften Gras gelegen, den Kopf auf meinem Schoß gebettet, und war in meinen Armen gestorben, weil er meine Ehre retten wollte. "Ich werde auf dich warten." Ich konnte ihn doch nicht in alle Ewigkeit warten lassen!
Der Saal war in rotes Licht getaucht, während die Kerzen langsam herunterbrannten. So schön war die reinweiße Landschaft im frühen Morgenlicht!
Ein leises Klopfen an der Tür schreckte mich auf aus meinen Gedanken. Ein älterer Herr im Livree eines Kammerdieners trat herein.
"Der gnädige Herr sagte, Ihr wolltet vielleicht etwas essen?"
Ich seufzte. Er hatte wohl wirklich nicht vor, mich hier einfach sterben zu lassen. Ich spürte das Ziehen im Bauch, mit dem mir mein Körper signalisierte, dass ich sehr wohl etwas zu essen wolle, so sehr sich mein Geist auch dagegen wehrte.
"Ja, bitte," erwiderte ich daher.
"Ich werde auch eines der Mädchen schicken, um Euch beim Ankleiden behilflich zu sein." Und mit einer kurzen Verbeugung verließ er den Raum.
Kurz danach trat er wieder herein und trug ein Tablett voll mit Essen und heißem Tee, das er neben meine Liegestatt auf ein Tischchen stellte. Hinter ihm her huschte ein Mädchen durch die T&uum;r, ein Küchenmädchen, wie ich aus der ärmlichen Kleidung schloss. Sie trug eine Schachtel, die wohl ein Kleidungsstück enthalten musste, denn außer meinem Nachthemd hatte ich nichts. Als der Kammerdiener den Raum verlassen hatte, trat sie an mich heran.
"Ich soll Euch auch beim Ankleiden helfen. Könnt Ihr aufstehen?"
"Lass mich erst einen Bissen essen, Kind, ich bin sehr schwach."
Mit einem Knicks erwiderte sie: "Natürlich, Madame."
Mit großem Hunger machte ich mich her über die Speisen.
"Wissen Sie, Madame," hörte ich der Stimme des Küchenmädchens zu, "es ist schon sehr selten, dass wir hier Besucher haben. Kaum jemand kommt hierher, ein Geschäftsmann vielleicht hin und wieder, aber eine Dame hatten wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr zu Besuch. Und dabei, unter uns gesagt, ist der gnädige Herr doch ein Mann im besten Alter! Wir alle denken, er sollte heiraten, anstatt sich die Nächte in der Stadt um die Ohren zu schlagen." Sie kicherte. "Ihr müsst doch zugeben, er ist ein stattlicher Mann. Ich wette, Ihr wart Hals über Kopf in ihn verliebt!" Beschämt schlug sie die Augen nieder. "Aber das geht mich natürlich nicht an. Der alte Morton sagt immer, ich rede zuviel. Bitte entschuldigt."
Ich musste unwillkürlich lachen. Das Gerede des Mädchens war so unschuldig naiv. Wenn sie wüsste, was ihr Herr tatsächlich war!
Als ich fertig gegessen hatte, fühlte ich mich schon sehr viel stärker, stark genug jedenfalls, um aus dem Bett aufzustehen, um mich anzuziehen. Das Kleid, das das Mädchen aus der Schachtel holte, war wirklich wundervoll. Es war aus dunkelblauer Seide, das Blau, das der Himmel in einer Winternacht hat, wenn die Sterne wie Perlen darauf funkeln. Das Mädchen schnürte mir das Korsett, half mir in die Schuhe und richtete mir die Haare, dann verließ sie den Raum. "Zum Mittagessen wird Morton Euch holen, und wenn Ihr etwas braucht, dass läutet einfach die Glocke," sagte sie im Hinausgehen.
Wieder alleine, wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder dem wunderschönen Tag zu. Ich durchschritt den Saal und blickte durch jedes einzelne der Fenster hinunter in den schneebedeckten Park des Anwesens. Der Schnee blitzte und blinkte im Licht der Sonne. Ich öffnete eines der Fenster und trat hinaus auf einen kleinen Balkon. Die Luft des Wintermorgens war unglaublich frisch. Sie stach beim Einatmen in der Lunge, doch sie gab mir neue Kraft und machte meinen Kopf klarer zum Nachdenken. Was wollte ich? Ich hatte die Wahl zwischen dem Tod und ewigem Leben. War es normal, dass ich das ewige Leben ausschlug? Da ich immer noch sehr schwach war, ging ich wieder hinein und schloss das Fenster hinter mir. Ich setzte mich auf den Diwan und blickte weiter hinaus auf die sonnenüberschienene Winterwelt. Irgendwie musste mich so der Schlaf übermannt haben.
Ich sah das Gesicht des Geliebten vor mir. Er sah aus, wie er ausgesehen hatte, als er damals in meinen Armen gestorben war: Bleich, müde, gefasst. Seine Lippen bewegten sich, aber ich musste sehr genau hinhören, um zu verstehen, was er mir sagen wollte. "Du stehst an einer Kreuzung, mein Engel," flüsterte er, "welchen Weg du gehst, ist allein deine Entscheidung. Deine Trauer war ehrlich und aufrichtig, doch ich will nicht der Grund sein, dass du dich füür den Tod entscheidest. Du musst nicht mehr trauern, Geliebte, weine nicht mehr um mich."
"Aber du sagtest, du würdest auf mich warten. Ich will dich nicht für alle Ewigkeit warten lassen!"
"Constance, das war so lange her. Ich verstehe jetzt mehr, weiß jetzt mehr. Dir ist die Ewigkeit bestimmt, mir war der frühe Tod bestimmt. So haben wir beide unsere Wege zu gehen. Lass mich los, denn du bindest mich noch an das Leben. Lass mich gehen, verbringe du deine Ewigkeit, ich werde die meine verbringen." Langsam verblasste sein Gesicht vor meinem geistigen Auge. "Nein!" rief ich. "Bleib hier! Geh nicht!" Ich erwachte von meinem eigenen Schrei. Mir war furchtbar kalt. Mit letzter Kraft schleppte ich mich an den offenen Kamin, um mich zu wäärmen. Dort fand mich dann auch der Kammerdiener, wie ich in die Flammen starrte und weiter vor mich hingrübelte. "Madame, das Mittagessen wäre nun gerichtet." Verwirrt über die Störung schaute ich auf. "Was?...Oh, ja, natürlich." Mit einiger Mühe stand ich auf. Mir wurde schwindelig, und Morton musste mich stützen, als er mich in den Speisesaal brachte. Erschöpft ließ ich mich auf den Stuhl fallen. Ich blickte voller Erstaunen auf die reichgedeckte Tafel.
"Der Herr meinte, es solle Euch an nichts fehlen. Da wir nicht genau wussten, was Euch schmeckt, haben wir einfach alles gekocht, was die Küche hergab. Viel zu selten bekommt das Küchenpersonal Arbeit, sie sind schon vollkommen aus der Übung." Mit etwas bekümmerter Miene setze er hinzu: "Unser Herr speist nur sehr selten hier, und Gäste hat dieses Haus auch viel zu wenige gesehen in den letzten Jahren. Um ehrlich zu sein, unser Herr ist etwas eigen."
Ich lächelte und fragte mich, ob denn überhaupt jemand im Haus wüsste, wer oder was ihr Herr tatsächlich war.
Mit Heißhunger griff ich zu. Ob ich vielleicht etwas mehr aß, als es für eine Dame schicklich war, war mir jetzt einerlei. Der Koch und die Mägde schienen sich wirklich zu freuen, als ich ihre Kochkünste lobte und mich bei jedem einzelnen für das hervorragende Mahl bedankte. Und das war es: Hervorragend. Ich trank den besten Wein, den ich je getrunken hatte - und trinken sollte, und die Gerichte waren vorzüglich und sichtlich mit viel Liebe und Können angerichtet worden. Durch die Fenster, die auch in diesem Raum vom Boden bis zur Decke reichten, sah ich die Sonne, wie sie sich langsam senkte. Als ich fertiggegessen hatte, dämmerte es schon fast. Noch einmal wollte ich bei Tageslicht draußen spazieren gehen, daher bat ich um Geleit und einen Mantel.
In einem mit Pelz gefütterten Umhang und wundervollen Lederstiefeln stapfte ich also durch den tiefen Schnee und atmete die Luft, die langsam kälter wurde. Schon war das Licht blau, und nur noch einige Wolkenschleier schienen im Orangerot der untergehenden Sonne. Der Abendstern war schon zu sehen. Ich beschloss, wieder hineinzugehen, um mich am Feuer aufzuwärmen. Morton erwartete mich mit warmem Gewürzwein, den ich trank am Feuer des großen Saales, in dem ich die letzte Nacht verbracht hatte. Langsam kehrte die Wärme wieder zurück in meine Gliedmaßen. Ein leise Ger6aml;usch, wie das Rascheln von Stoff, ließ mich aufhorchen. Ich drehte den Kopf und sah hinter mir den Vampir stehen. Ich stellte den leeren Becher hin, den ich bis jetzt in der Hand gehalten hatte und in Gedanken versunken hin- und hergedreht hatte, und stand auf. Ich blickte ihm in die blauen Augen. Mit ernstem Ausdruck erwiderte er meinen Blick.
"Es ist an der Zeit."
"Wozu?"
"Das hast allein du zu entscheiden, Constance. Ich könnte dir den Tod bringen oder dir die Gaben der Finsternis schenken. Was wählst du?"
Die Gaben der Finsternis... Wie seltsam das klang!
"Ich weiß, was ich wähle. Doch vorher beantwortet mir eine Frage: Sagt ehrlich, als Ihr damals das erste Mal zu mir kamt, wusstet Ihr da schon, dass Ihr mir die Gaben der Finsternis schenken wolltet?"
Er lächelte mild. "Nein, das wusste ich damals noch nicht. Ich spürte, dass du große Schmerzen leiden musstest, dass du einen schweren Verlust hinter dir hattest und das Leben nicht mehr wolltest. Ich wollte dir eigentlich den ersehnten Tod bringen."
"Und warum habt Ihr das nicht getan?"
"Als du da an meiner Schulter weintest, das wusste ich, dass du meine Gefährtin werden konntest. Ich selbst hatte einen großen Verlust erlitten, bevor ich zu dem wurde, was ich jetzt bin, und ich dachte, du würdest die Stärke haben, eine von uns zu werden."
"Warum habt Ihr mich dann fast getötet, mich so lange zwischen Leben und Tod gehalten?"
"Ich war mir nicht sicher, ob du deinen Lebenswillen nicht wirklich schon vollkommen aufgegeben hattest. Du hast einen Monat überlebt. Jemand, der wirklich sterben wollte, hätte das nicht."
"Warum ich?" Er hob mein Kinn leicht an, so dass ich ihm direkt in die Augen blickte. "Du bist wunderschön."
"Nur deshalb? Schöne Frauen gibt es genug."
"Nein, nicht nur deshalb. Etwas an deiner Persönlichkeit hat mich sofort in Bann genommen - melancholisch, und doch voller Stolz und Würde. Voller Wut auf das Leben, obwohl du doch mittendarin warst. So voller Leidenschaft, trotz deines Alters schon eine Frau, keines dieser verhätschelten Kinder, die selbst mit 30 noch nicht erwachsen sind. Voller Wissensdurst, jemand, der seine Zeit lieber in den Bibliotheken verbringt, als bei irgendwelchen Damenrunden, wie es für eine Frau deines Standes schicklich gewesen wäre."
"Wie könnt Ihr das wissen? Habt Ihr das alles gesehen, als Ihr mich damals am Fenster sitzen sahst?"
Leise lachend schüttelte er den Kopf. "Nein, ich hatte dich schon beobachtet seit dem Moment, wo ich dich auf dem Friedhof sitzen sah, weinend über einem frischen Grab, die ganze Nacht lang trotz Kälte und wohlwollender Freunde. Das hat mich berührt, deine Trauer und leidenschaftliche Liebe. Ich wollte dich erlösen, bis du dann an meiner Schulter lagst. Da wusste ich, dass dir nicht der Tod bestimmt war, sondern die Nacht. Du bist wunderschön, Constance. Das Nachtblau des Himmels steht dir wunderbar." Er zog mich an sich heran, hielt mich fest. "So voller Leben," flüsterte er, "warm, lebendig."
Als wäre ich ohne Gewicht, hob er mich hoch und trug mich auf den Diwan. Ich lag in den Kissen und blickte ihn an. Vorsichtig strich er mir eine Strähne aus dem Gesicht. "Nun, meine Schöne, hast du dich entschieden?"
Ich schlug die Augen nieder. "Ja, das habe ich."
"Willst du den Tod oder das ewige Leben?"
Ein kalter Schauer rann mir über den Rücken. Diese Entscheidung würde alles vollkommen verändern, was ich auch wählte.
"Ich will die Ewigkeit."
Er nickte.
"Doch davor möchte ich noch etwas wissen: Wer seid Ihr?"
Er lachte leise. "Nicht ,Ihr', Constance, ,Du'. Wir werden eine kleine Ewigkeit gemeinsam verbringen, da müssen wir doch nicht so formell sein. Ich bin Francis McDougal. Francis, François, Franz, wie du mich nennen willst, steht dir frei, all diese Namen habe ich schon getragen,"
"Francis," wiederholte ich leise seinen Namen. "Francis." Ich nickte. "Nun, Francis, meine Entscheidung steht fest."
"Das ist gut so, meine Schöne, denn es wird kein Zurück mehr geben." Er schloss mich fest in seine Arme. "Lege ab den Schmerz des sterblichen Lebens. Lege ab all die Lasten, und lege ab den Tod. Denn du bist für die Ewigkeit bestimmt." Er strich mir über die Wange. "Nur wenigen ist die Ewigkeit bestimmt, erweise dich würdig dem Geschenk der Nacht."
"Ich werde es, mein dunkler Edelmann."
Er nickte und neigte den Kopf. Seine spitzen Fangzähne senkten sich in meinen Hals. Ich spürte, wie langsam alle Kraft aus meinem Körper wich. Ich wehrte mich nicht dagegen. Als er den Kopf wieder hob, wusste ich, wie der Tod sich anfühle musste, und ich wusste auch, dass ich ihn nicht wollte. Aus weiter Ferne hörte ich die Stimme des Toten: "Lass mich gehen, verbringe du deine Ewigkeit, ich werde die meine verbringen."
"Ja," flüsterte ich mit aufgesprungenen Lippen, "ja, ich will das Geschenk der Finsternis." Verschwommen sah ich Francis über mir. Ich spürte, wie er mir sein Handgelenk auf die Lippen drückte, spürte, wie das Blut meine Lippen, meine Zunge, meinen Gaumen benetzte. Ich spürte, wie ich langsam wieder kräftiger wurde. Irgendwann sank Francis dann entkräftet neben mir auf den Diwan. Er sah aus wie der leibhaftige Tod, unendlich bleich und ausgemergelt. Doch seine Augen blitzten voller Leben.
Was nun folgte, ist schwer zu beschreiben. Sagen wir es so, alles, was sterblich war an mir, starb nun. Es war ein sehr schmerzhafter Prozess. Francis hielt mich die ganze Zeit fest in den Armen. So wurde ich in seinen Armen, durch ihn, zum Kind der Finsternis geboren.
Als die Schmerzen langsam nachließen und ich die Augen aufschlug, war ich sofort verzaubert von der Nacht. Alles um mich schien anders, so neu, aber doch war es gleichgeblieben. Ich war es, die sich verändert hatte! Vorsichtig stand ich auf, und wie in einem Traum durchschritt ich den Saal. Ich spürte die Nacht in meinen Adern, ich roch sie, schmeckte sie. Der Schein der Kerzen tauchte den Saal in ein Licht, das ich nie zuvor gesehen hatte.
Francis saß auf dem Diwan und beobachtete mich aufmerksam. Die Zeilen eines Gedichtes kamen mir in den Sinn:

In süßer Trunkenheit
Entfaltest du die schweren Flügel des Gemüts.
Und schenkst uns Freuden
Dunkel und unaussprechlich
Heimlich, wie du selbst, bist
Freuden, die uns
Einen Himmel ahnden lassen..
Wie arm und kindisch
Dünkt mir das Licht...
"Es ist, als würde ich die Welt völlig neu entdecken!" rief ich.
Er nickte. "Ja, ich weiß." Er stand auf und ergriff meine Hände. "Lass uns in die Stadt gehen und nach Beute suchen." Ein leichter Schauer ergriff mich. Beute - das hieß...
"Menschen?" Irgend etwas erschreckte mich an dem Gedanken, Menschen auszusaugen. Francis spürte meine Besorgnis. "Ja, mein dunkler Engel, denn das ist unsere Bestimmung. Wir leben, indem wir den Tod bringen. So müssen wir es annehmen. Was denkst du, die Tiere, die von den Sterblichen verspeist werden, das Fleisch, das du heute Mittag noch gegessen hast, wollten diese Tiere den Tod? So wie das Fleisch der Tiere, der Tod der Tiere, den Sterblichen das Überleben sichert, so überleben wir mit dem Blut der Menschen."
"Es ist nur... Vor wenigen Stunden hätte ich noch deine Beute sein können... Irgend etwas an dem Gedanken ist seltsam."
Die Stadt... Was soll ich sagen? Wenn schon ein Saal im Kerzenlicht eine so extreme Wirkung auf mein neues Ich hatte, was sollte dann erst eine ganze Stadt für eine haben! Die Nacht hier war voller Geräusche, die ich vorher nicht gehört hatte, voller Lichter, die mir erschienen wie die Sterne am Nachthimmel, und, was mich am meisten fesselte, war dieser Geruch nach Leben hier! Nach frischem Leben, nach Blut! Ich spürte einen unendlich starken Hunger. In meinen Gedanken entsetzte mich dieser Hunger zuerst, denn es war ein tödlicher Hunger, für andere tö,dlich. Doch etwas anderes in mir kämpfte dieses Entsetzen nieder. Mit der Zungenspitz fuhr ich über die noch so ungewohnt spitzen Eckzähne.
Als wir endlich aus der Kutsche stiegen, sah ich in jedem der reichgeputzten Passanten nur das pulsierende Leben, das Blut, das unter ihren dick gepuderten Wangen floss. Zum erstenmal wurde mir bewusst, dass vor dem Tod doch alle gleich waren; jeder konnte mein Opfer werden, ob reich oder arm.
Wie muss es wohl für jemanden sein, der zum allerersten Mal Nahrung zu sich nimmt? Zum ersten Mal den Duft frischen Essens riecht? Wahrscheinlich ist das schwer vorstellbar, doch nur so kann man mein erstes Mal auf der Jagd beschreiben. Es war ein unendliches Wohlgefühl, als das Blut meines Opfers meinen durch meinen Mund rann und meinen kalten, leeren Körper mit Wärme und Leben erfüllte.

Es war eine seltsame Nacht, die erste Nacht, die ich so bewusst und intensiv erlebte. Die nächsten Wochen, Monate, ja, Jahre, vergingen wie im Flug. Ich war wie ein Blinder, der plötzlich sehen konnte; vor mir lag eine völlig neue Welt.
So lebe ich seit jenem Tag im Januar des Jahres 1803 als Kind der Nacht. Kein Gift der Welt, keine Krankheit, kann mir etwas anhaben; ich fürchte weder Tod noch Teufel, denn bin ich nicht beides in einer Person? Ich bringe den Tod und ich lebe in Verdammnis, nie wieder das Licht der Sonne sehen zu dürfen. Wie die meisten meiner Art sehe ich nicht aus wie ein Teufel; wir sind, für die Augen eines Sterblichen, wunderschön, ewig jung, mit ebenmäszlig;igen Zügen, den Sommerhimmel haben wir gefangen in kristallblauen Augen, und doch finden sie uns, wenn sie uns sehen, mysteriös, geheimnisvoll, aus Gründen, die sie selbst nicht finden können.
Und so werde ich in alle Ewigkeit leben, ewig in der Dunkelheit der Nacht, wenn mich nicht das Feuer oder das Licht der Sonne findet. Denn nur die können mich töten. Ich bin der lebende Tod, ich zeige den Menschen ihren Weg .

© Valerie Haselbek
Gedichtzitat von Novalis, Hymne an die Nacht

Meine allererste Vampir-Geschichte, auf die ich ziemlich stolz bin. Ich habe bei den "Schreibspuren", einem Literaturwettbewerb an meiner früheren Schule, einen ersten Preis dafür bekommen und habe mich danach daran gemacht, weitere Geschichten über "Kinder der Nacht", Vampire, zu schreiben. So kam ich denn auch zu meinem Nickname, nightdaughter, Tochter der Nacht.

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