Die Frau von heute

Die Frau von heute ist steht morgens um 6 auf. Den Mann, der ja schließlich hart arbeitet, um die Familie zu ernähren, lässt sie natürlich noch schlafen, wenn sie ins Bad schleicht, um zu duschen und sich für den Tag zu richten. Innerhalb von einer halben Stunde steht dann eine völlig andere Frau in der Küche: Sie ist erfrischt von ihrem Lemon-Duschgel, das sie zu natürlich völlig überhöhtem Preis bei der Parfümerie ihrer Wahl eingekauft hat, ihr Haar ist gestylt – perfekter Halt trotz Hitzewallungen, Kinderterror und Geschirrspülwasser –, sie ist perfekt geschminkt – Margret Astors Schönheitsserie macht´s möglich, und dank ihrer neuen Tagescreme ist ihr Teint frisch und strahlend. Und das, obwohl sie gestern bis halb 12 das Haus geputzt hat. Sie ist perfekt gekleidet; das Kostüm sitzt wie angegossen. Natürlich ist es sauber gewaschen und ohne das kleinste Fältchen, denn sie weiß ja, wie man einen Haushalt führt!
Punkt dreiviertel 7 weckt sie ihre drei wundervollen Kinder zärtlich mit einem Kuss auf die Wange. Der heiße Kakao steht schon dampfend auf dem Tisch, der Toast steckt im Toaster, und die gute Marmelade von Oma steht auf dem Tisch. Die Kinder bekommen ihr Frühstück vorgesetzt, und geduldig wischt die Mutter den ersten verschütteten Kakao auf und wechselt die Tischdecke, wobei sie die verschmutze natürlich gleich einweicht.
Um 7 betritt sie leise das Schlafzimmer. Mit einem zärtlichen Kuss weckt sie ihren Gatten, dem sie natürlich auch gleich das Frühstück ans Bett trägt. Das erste, was er zu ihr sagt, als er das Frühstückstablett sieht, ist: "Wo ist, bitteschön, meine Zeitung?" Die freundliche Gemahlin lächelt: "Natürlich, Schatz, ich hole sie dir sofort." Sie huscht nach draußen, ermahnt beim Durchqueren der Küche ihre Mittlere freundlich, dem Jüngsten nicht das Marmeladenbrot in die Haare zu schmieren. Als die Ermahnte einen Zornausbruch bekommt, weil sich die Marmelade im Haar des Kleinen doch viel besser machte als auf dem Brot, nimmt die Mutter sie in den Arm und versucht, sie zu beruhigen. Auf diese Weise bekommt sie vom Gebrüll des Kindes nicht nur schier einen Gehörsturz, ihr Kostüm bekommt noch dazu ein wundervoll erdbeermarmeladliges Muster. Mmh, Erdbeer auf Taubenblau!
Als sie endlich mit der Zeitung unterm Arm das Schlafzimmer betritt, ist der Gatte bereits im Begriff, sich anzuziehen.
"Ging das denn nicht schneller? Und wie du aussiehst! Der Fetzen ist ja total ruiniert! Ich hoffe, du erwartest nicht, dass ich dir von meinem Gehalt ein neues kaufe, die Dinger sind eh viel zu teuer." Er reißt die Zeitung an sich. "Mist, wegen deiner Trödelei habe ich gar keine Zeit mehr zum Lesen!"
Die Frau sucht nach einem sauberen Kostüm und zieht sich um.
Als sie die Küche wieder betritt, ist die Älteste gerade dabei, mit ihren Geschwistern um eine Wurstscheibe zu ringen. Freundlich bittet die Mutter ihre Kinder darum, sich anständig zu verhalten und hört sich geduldig an, wer wen beschuldigt, angefangen zu haben. Unterdessen streicht sie den Kindern Brote für Schule und Kindergarten, die sie liebevoll mit Apfelschnitzchen in Plastikdosen verpackt.
Sie verabschiedet sich von ihrem Mann, während sie die Kinder dazu zu bewegen versuchte, sich die Zähne zu putzen und ihre Jacken und Schuhe anzuziehen. Die Frau steigt in ihr Auto, einen BMW, während die Kinder sich auf der Rückbank die Köpfe darüber einschlagen, wem jetzt welcher Gurt gehört. Geduldig steigt sie aus und schnallt alle ihre Kinder, vom 5-jährigen bis zur 11-jährigen an. Zuerst fährt sie die beiden älteren zur Schule, wo der Verkehr sich zieht wie Kaugummi, denn schließlich wollen ja auch andere ihre Kinder zur Schule bringen. Mit leichter Verärgerung stellt sie fest, dass der Radfahrer, der sie da gerade rechts überholt hat, ihr einen langen Kratzer im Lack des glänzenden schwarzen Autos hinterlassen hatte.
Als die Töchter in die Schule gefahren sind, bringt sie noch den Jüngsten in den Kindergarten.
Endlich kann sie zur Arbeit fahren. Auf ihrem Schreibtisch türmen sich die Papiere, und kaum hat sie sich hingesetzt an den Tisch und den Computer hochgefahren, hört sie schon die Stimme der Sekretärin: "Ich habe da einen wichtigen Kunden in der Leitung!" "Bitte, stellen Sie ihn durch." Sie hört sich an, was der Kunde zu sagen hat und nimmt dann noch ein weiteres Gespräch an mit einem, der interessiert ist, vielleicht auch bald Kunde zu werden. Für ihn nimmt sie sich jede Menge Zeit – man muss ihm doch Honig ums Maul schmieren, damit er anbeißt. Tatsächlich scheint es, als würde er das tun. Kurz vor 12 verlässt sie das Gebäude und fährt heim – wenn ihr Mann Mittagspause hat, will er schließlich etwas auf dem Tisch haben, und die Kinder werden auch Hunger haben. Unterwegs holt sie den Kleinen vom Kindergarten ab und muss feststellen, dass er von oben bis unten mit Sand und Matsch verschmiert ist. "Wir waren im Wald," erzählt er stolz und klettert quer über den Rücksitz in seinen Sitz.
Sie stellt sich in die Küche und schneidet Gemüse, während der Kleine nörgelt, weil er Karotten nicht leiden kann. Als die mittlere Tochter das Haus betritt, beschwert auch sie sich sofort, warum die Mutter sich denn nicht endlich mal modern benehmen könnte und statt so Gesundheitsfraß bei McDonalds das Mittagessen kaufen könnte. Die Älteste meckert über ihre Klasse, und wie blöd die Lehrerin sei, und dass die Mutter doch haargenau wisse, dass sie keinen Fisch möge, außer Fischstäbchen.
Mitfühlend wie sie ist, legt die Mutter ein paar Fischstäbchen in die Pfanne, und plötzlich wollen alle welche. Dummerweise sind nur noch ein paar da. Der Kleinste fängt an, herzerweichend zu heulen, die Mittlere bekommt einen Zornanfall, nach dem Motto, sie habe es ja gleich gesagt, man solle bei McDonalds essen, da gebe es schließlich immer genug für alle, und die Große sitzt schmollend am Tisch, sie möge keinen Fisch, aber als Älteste solle sie wohl wieder vernünftig sein und den kleineren die Fischstäbchen lassen. Als der Mann nach Hause kommt, stimmt er ein in das Gejammer, wie hart doch sein Tag gewesen sei, und warum denn das Essen noch nicht auf dem Tisch stände. Mit freundlichem Lächeln stellt seine Frau den Teller voll Reis, Karottengemüse und Fisch vor ihn auf den Tisch. Er probiert einen Bissen und meckert: "Der Fisch ist ja total verkocht! Und die Karotten schmecken, als seien sie angebrannt. Du meine Güte, reicht es denn nicht, dass ich den ganzen Tag arbeite? Soll ich etwa noch selber kochen?!" Natürlich fangen die Kinder sofort auch an, sich über das angebrannte Gemüse zu beschweren.
Als nun endlich das geruhsame Mittagessen beendet ist, wird der Jüngste zum Kindergarten gekarrt, die beiden Älteren dürfen zur Tante, die gottlob nur halbtags arbeitet und sich nachmittags um die Kinder kümmert und sie bei den Hausaufgaben betreut.
Wieder im Büro setzt sich die Frau an ihren Schreibtisch und fängt an, den riesigen Stapel in ihrem "Eingangsquot;-Korb zu bearbeiten. Dank eines langen Gespräches mit einem wichtigen Kunden und eines noch längeren mit einem potentiellen Kunden war sie dazu am Morgen leider nicht gekommen. Sie stöhnt, als sie sieht, dass für 16 Uhr noch eine Konferenz angesetzt, und als sie das Thema sieht, seufzt sie. Überlänge ist vorprogrammiert. Ein Blick auf die Uhr bringt sie dem Herzinfarkt nahe; es ist nicht mehr lange, bis das Meeting anfängt, und sie hat noch einiges vorzubereiten. Sie ruft ihre Schwester an, um ihr mitzuteilen, dass es etwas später werden könnte. Die ist nicht gerade begeistert, denn schließlich hat sie noch etwas vor an diesem Abend. Die Frau verspricht, sobald wie möglich zu kommen. Im Hintergrund hört sie das Gezeter ihrer Kinder. Sie versteht Wortfetzen wie: "Nein, meins!" und: "Gib das sofort wieder her, du blöde Kuh!" Sie legt auf und stürzt sich wieder in die Arbeit.
Die Konferenz zieht sich in die Länge. Nachdem sie ihren Vortrag über irgendwelche Verkaufsziffern gehalten hat, sitzt die Frau wie auf glühenden Kohlen. Ihre Anwesenheit hier ist unbedingt erforderlich, bis zum Schluss, aber ihre Kinder wollen doch etwas zum Abendessen, und ihr Mann auch. Und die Wäsche muss gemacht werden, und sie muss noch einkaufen, und das Geschirr muss gespült werden, und außerdem muss sie noch mit ihrer Mutter telefonierten, und die Schwester wollte ja schließlich noch weg.
Um halb 7 ist sie endlich bei der Schwester, die schon Panikattacken hat, weil sie um 7 verabredet ist und schließlich nicht duschen kann, solange die Kinder da sind und deren Mutter jeden Moment klingeln kann. Die bedankt sich und schnallt ihre Kinder ins Auto.
Daheim sitzt schon der Vater vor dem Fernseher. "Da bist du ja endlich! Ich bin schon am Verhungern. Außerdem will deine Mutter, dass du sie sofort anruft." Was soll sie denn jetzt zuerst machen? Das Essen, oder die Mutter anrufen? Das Telefonat könnte wichtig sein, die Mutter hat immer irgendein Zipperlein. Da nun aber auch die Kinder heulen, sie hätten ja solchen Hunger, beschließt die Frau, zuerst ihrer Familie das Essen zu richten. Sie bittet die älteren um Mithilfe, aber da die so ewig brauchen, ihre angeblich so schmutzigen Finger zu waschen, deckt die Mutter den Tisch eben alleine. Als ihre Töchter endlich mit der porentiefen Reinigung ihrer Haut fertig sind und der Tisch gedeckt ist, beschweren sie sich, sie hätten doch helfen wollen.
Beim Essen klingelt dann das Telefon; es ist die Mutter der Frau. Die Erklärungen ihrer Tochter, sie sei eben erst von der Arbeit heimgekommen, die Kinder hätten Hunger gehabt und sie hätte sowieso noch angerufen, bricht sie ab und jammert über die mangelnde deren Liebe für ihre arme alte Mutter. Dann jammert sie weiter, wie unmöglich doch die Nachbarn seien, bis um 10 hätten sie am letzten Abend im Garten Radau gemacht, und der Hund, der Hund, dieses Riesenkalb, hätte ihre Rabatten im Vorgarten zertrampelt! Und außerdem habe sie wieder einmal Probleme mit dem Rücken, und eine Glühbirne in ihrem Wohnzimmer müsse ausgewechselt werden, ob die Tochter denn nicht... "Am Wochenende," verspricht die. "Was, und bis dahin soll ich mir die Augen verderben, wenn ich im Halbdunkeln lesen muss?" Die Erklärung der Tochter, bis dahin habe sie eben keine Zeit, kann sie nicht glauben, muss sie aber notgedrungen akzeptieren.
Als die Frau endlich wieder an den Tisch zurückkehrt, sitzen die Kinder alleine da; der Vater wollte Sportschau gucken. Die Mittlere ist gerade dabei, die Wurst so zu essen, während der Kleine sich mit dem Käsemesser schier die Finger absägt, aber in lautes Geschrei ausbricht, als die Mutter ihn retten will. "Bring mir mal ein Bier," tönt es aus dem Wohnzimmer. Die Mutter holt eines aus dem Kühlschrank und bringt es ihrem Mann. "Warum hast du nicht gleich auch Chips mitgebracht?" fragt ihr Mann. Sie geht wieder in die Küche, schlichtet einen Streit zwischen der Mittleren und der Ältesten um eine letzte Scheibe Wurst und zieht sich beider Zorn zu, indem sie die Scheibe einfach teilt. "Aber das ist doch viel zu wenig," meckert die Älteste. Schulterzuckend trägt die Mutter die Schale mit den Chips ins Wohnzimmer. "Hast du etwa schon wieder diese seltsamen Chips mit extraviel Paprika gekauft," schimpft ihr Mann, nachdem er sich eine Handvoll genommen hat. "Nein, lass sie da." Er hält ihren Arm fest, als die Frau die Schüssel wieder mitnehmen will. "Sonst isst sie eh nur du und wirst fett... Nein, nein Schatz," fügt er hinzu, als er das Schlucken der Frau bemerkt, "war doch nur ein Scherz."
Die Kinder haben inzwischen fertiggegessen und stehen im Bad. Wie jeden Abend streiten sie sich um die Zahnpasta-Tube. Die Mutter richtet die Schlafanzüge her und versucht nebenher noch, die Älteste daran zu hindern, den Kleinen mit Zahnpasta zu schminken.
Nach einem kurzen Streit, welche Geschichte jetzt gelesen werden soll, liegen die Kinder endlich in den Betten. Der Kleinste heult zwar noch kurz, er sei gar nicht, gähn, müde, nein, nein, gähn. Aber nach dem allabendlichen Ich-habe-Angst-im-Dunkeln-Anfall der Mittleren ist endlich Ruhe.
Die Frau geht in den Keller und hängt erst mal die Wäsche auf. Sie füllt die Waschmaschine wieder und eilt nach oben, gerade noch rechtzeitig, um ihrem Mann ein weiteres Bier zu bringen. Sie setzt sich einen Moment lang neben ihn. "Hast du eigentlich schon ein Hemd für morgen gebügelt?" fragt der Mann und schaltet den Fernseher aus. Sie geht ins Schlafzimmer; auf dem Weg dorthin entdeckt sie, dass das Geschirr noch nicht gespült ist, daher macht sie das noch schnell. Ihr Mann meckert, dass sie einen solchen Radau mache, er wolle schlafen. Sie schleicht durch das Schlafzimmer und sucht im Dunkeln nach Bügelbrett und Bügeleisen; sie will ihren Gatten ja nicht durch helles Licht wecken; er hat morgen wieder einen arbeitsreichen Tag vor sich. Im Wohnzimmer bügelt sie noch schnell das Hemd. Ihr Blick fällt auf die Uhr: Fast 12. Sie zieht sich um und geht ins Bett. "Ja," murmelt sie schon im Halbschlaf. "Morgen ist wieder ein arbeitsreicher Tag."

Diesen Text habe ich schon zu Schulzeiten geschrieben – ich weiß garnicht mehr, was mich damals dazu bewogen hat. Vielleicht war es einfach der Gedanke, was eigentlich alles von einer Frau im Berufsleben sonst noch so erwartet wird, außer dass sie ihren Job gut managet.

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